
Bergsteiger Reinhold Messner und Hobby-Bergsteiger Hans-Jürgen Hielscher gaben dem zwölfjährigen Felix Echtermeyer vom Deutschen Alpen-Verein gute Ratschläge für die Erstbesteigung der Kletterwand am Biomassekraftwerk. (Zum Vergrößern auf die Fotos klicken) Fotos: Zender









Das Biomassekraftwerk auf dem Gelände der Deponie Flörsheim-Wicker ging vor etwa einem Jahr in Betrieb. Diesmal stand jedoch nicht die Öko-Technik des Kraftwerks, sondern dessen Fassade im Blickpunkt des Interesses. Der bekannte Bergsteiger Reinhold Messner, der alle 14 Achttausender auf der Welt bestiegen hat, kam zur offiziellen Erstbesteigung der 19 Meter hohen Kletterwand nach Wicker.
"Obwohl die Wand noch nicht fertig gestellt ist, mussten wir die Gelegenheit nutzen, diese neue Attraktion im Rhein-Main-Gebiet mit solch kompetenter Unterstützung der Öffentlichkeit zu präsentieren", meinte Geschäftsführer Gerd Mehler. Unter anfeuerndem Applaus von Reinhold Messner und des Hobbybergsteiger Hans-Jürgen Hielscher, dem Ersten Kreisbeigeordneten des Main-Taunus-Kreises, stieg dann der zwölfjährige Felix Echtermeyer vom hessischen Leistungskader im Deutschen Alpen-Verein (DAV) in die Wand.
Von den insgesamt 31 Millionen Euro für das Biomassekraftwerk werden verhältnismäßig bescheidene 250000 Euro für die Wand ausgegeben. Im Frühjahr wird die Wand, gut sichtbar von der angrenzenden Bundesstraße B 40, täglich für Kletterfreunde geöffnet sein.
"Die Wand ist sehr schön", sagte Messner, und aus welchem Munde könnte ein Lob für ein solches Bauwerk besser klingen als aus diesem? Messner ist als Bergsteiger des höchsten Berges der Welt, des Mount Everest, immer noch ein bekannter Mann. Das zeigte auch der Medienaufwand an diesem Nachmittag an der Wickerer Deponie. Die Rhein-Main-Deponie (RMD) erhoffte sich Werbung für ihr neues Projekt. Die Kletterwand soll, wenn sie denn geöffnet ist, Kletterern für nur drei Euro zugänglich gemacht werden. Es soll Schnupperkurse geben für Jedermann und Angebote für Schulsport.
Reinhold Messner ist momentan auf Werbetour für den Klettersport im Allgemeinen. Der DAV habe es verpasst, die nötige Aufklärung zu betreiben, dass zwischen dem neuartigen, seit etwa 20 Jahren immer stärker aufkommenden und derzeit boomenden Klettersport in Hallen und an Outdoor-Wänden und dem Bergsteigen im Gebirge ein riesiger Unterschied bestehe. Diese Aufklärung versuche er nachzuholen - und rührte dabei kräftig in der Werbetrommel für seine eigene Leidenschaft. Das Klettern sei den Menschen angeboren. "Kleine Kinder fangen schon früh an zu klettern". Es sei zudem eine Sportart, die nicht nur den Körper, sondern den ganzen Menschen schule. Schließlich fördere es Verantwortung, Beobachtungsgabe, Vertrauen in andere Menschen und Konzentration.
Die Bestimmungen zum Naturschutz haben in der Vergangenheit dafür gesorgt, dass viele Felsen für Kletterfreunde geschlossen werden mussten. Da aber diese Sportart sich einer immer größeren Anhängerschaft erfreue, seien nun neue künstliche Projekte notwendig, so Messner. Hansjürgen Hielscher, selbst begeisterter Kletterer, sagte, man wolle das Klettern in den Schulen etablieren. "Das Mauerblümchendasein muss ein Ende haben." Er forderte das Land Hessen auf, in einem Sportstättenbauprogramm an Bauwerken mit öffentlichen Mitteln künstliche Wände zu schaffen. Hielscher schloss nicht aus, dass an der neuen Kletterwand, die sich mit ihren 80 möglichen Routen an Anfänger wie auch an Profis richtet und die eine der größten im Rhein-Main-Gebiet sei, auch einmal Meisterschaften stattfinden werden.
"Klettern ist eine logische Sportart!"
Als Fünfjähriger folgte er seinem Vater auf den ersten 3000 Meter hohen Berg. Den höchsten Gipfel der Welt, den Mount Everest, 8846 Meter über dem Meeresspiegel, erklomm er 29 Jahre später ohne Sauerstoffmaske. Auf 3500 Bergtouren - darunter waren 14 Achttausender - sowie 100 Erstbesteigungen und die Durchquerung der Antarktis sowie Grönlands zu Fuß kann der wohl berühmteste Bergsteiger zurückblicken. Und jetzt steht Reinhold Messner, der das Ausgesetztsein in unberührter Natur liebte, tatsächlich nicht weit entfernt vom "Gasebersch", wie die Wickerer sagen. Nun ist er etlichen Menschen ausgesetzt, von denen nicht wenige Fotoapparate und Kameras haben und festhalten wollten, wie der 60-Jährige seinen "Segen" für die Kletterwand am Wickerer Biomassekraftwerk gibt.
Das klingt nur paradox, wenn man nicht weiß, dass der Südtiroler inzwischen 48 Bücher veröffentlicht hat und als Fernseh-Moderator, Vortragsredner und EU-Abgeordneter gerne im Blickpunkt der Öffentlichkeit steht. Messners neueste Mission: Das Klettern jedermann näher bringen. Da kam die 19 Meter hohe und 27 Meter breite Wand der Rhein-Main-Deponie GmbH aus glasfaserverstärktem Polyesterharzlaminat gerade Recht. Messner sieht sich als Aufklärer. "Ich bin nicht der Natursportler, der alles andere ablehnt", sagt der prominente Gast bei der Einweihung mit Festzelt und Festessen. "Im Gegenteil: Ich möchte, dass alles nebeneinander besteht." Also auch das Sportklettern an künstlichen Wänden mit Griffelementen, die manche Hochleistungsathleten sogar in ihrem Wohnzimmer angebracht haben.
Für Messner ist es kein Wunder, dass Klettern angesagt ist. So sehr, dass in Frankreich seines Wissens nach an fast jeder Schule eine Wand installiert ist, in Deutschland es beim "Indoor-Klettern" Zuwächse pro Jahr von 30 bis 40 Prozent gebe, Millionen dem Sport nachgingen. Der hat mit dem Extrem-Erleben in den Bergen so wenig zu tun hat, wie Messner ("Das Gebirge ist chaotisch") bis vor wenigen Tagen mit dem Biomassekraftwerk in Wicker. Das Sportklettern ist für den einstigen Yeti-Suchenden, der gar nicht abgehoben wirkt, sondern vielmehr sachlich und freundlich, ein Massenphänomen, weil diese Art von Bewegung dem Menschen eben liegt. "Das ist eine logische Sportart, viel vernünftiger als Tennis oder Golf", betont Messner. "Klettern hat mit instinktiven, motorischen Fähigkeiten des Menschen zu tun, dem Ausspielen von Konzentration auf Schritt und Tritt."
Ein Appell des leidenschaftlichen Sportkletterers Hielscher geht an die Kultusminister und Innenminister des Landes. "Unser Ziel ist es, dass Klettern zum integralen Bestandteil des Schulsports in Hessen zu machen. Kletteranlagen sollen zudem mit öffentlichen Mitteln an öffentlichen Bauten eingerichtet werden."
Quellen: RMD/Bioma, Main-Spitze, Höchster Kreisblatt