
Leser der Frankfurter Rundschau besichtigten das Biomassekraftwerk auf dem Deponie-Gelände in Flörsheim-Wicker.
Ferienaktion der Frankfurter Rundschau öffnete die Türen zu Hessens größtem Biomasse-Kraftwerk auf dem Gelände der Deponie Wicker. Rund 35 000 Haushalte kann das Biomasse-Kraftwerk in Flörsheim-Wicker mit Energie versorgen.
Der Aufstieg zum Herd der Ökostrom-Fabrik ist schweißtreibend. Auf der obersten Gitterplattform verströmt der Dampfkessel trotz dicker Isolierschicht eine wüstenartig trockene Hitze - ein laues Lüftchen im Vergleich zu den 1200 Grad im Inneren. Am Kesselboden lodern die Flammen, die zerhäckseltes Altholz zu Asche verheizen. So gewinnt das Kraftwerk Wärme, die in elektrische Energie umgewandelt und schließlich ins Stromnetz eingespeist werden kann. Dieser Aufwand muss sich lohnen. "Pro Stunde verbrennen wir elfeinhalb Tonnen Holz", erklärt Betriebsleiter Jürgen Wunn.
Das Material hat einen kurzen Weg. Es wird auf dem Deponiegelände in Flörsheim-Wicker gehäckselt, Lastwagen karren die Holzschnitzel direkt in die Boxen des Biomasse-Kraftwerks. Ein Kettenförderer schaufelt die mehlige Masse in den Kessel. Sind alle drei Boxen voll, reicht dies gerade mal für einen Tag. Nachschub gibt es genug. Etwa 90 000 Tonnen Altholz kommen jährlich auf der Deponie an. Verfeuert werden dürfen ausrangierte Möbel, Transportkisten, Türblätter oder Dielen ohne Holzschutzmittel. Nicht verwendet werden darf hingegen mit Schadstoffen belastetes Material, beispielsweise Bahnschwellen.
Das Kraftwerk wird vom Leitstand aus gesteuert. An Monitoren können die Mitarbeiter Temperatur, Dampfmenge, Druck und Ventile überwachen und Störungen erkennen. Über eine direkt am Kessel installierte Spezialkamera können sie sehen, wie im Brenner die Funken sprühen. Mindestens 8000 Stunden pro Jahr soll er brennen. Erhitzter Wasserdampf treibt eine Turbine an, die mit 6800 Umdrehungen pro Minute genug Strom erzeugt, um 100 000 Einwohner in 35000 Haushalten zu versorgen. Das für mehr als 30 Millionen Euro gebaute Biomasse-Kraftwerk ist nach Angaben der Betreiber momentan das größte seiner Art in Hessen. Die nächste Anlage steht in Mannheim. Die Fabrik mit ihrem auffällig bunten Schornstein ist Teil einer umweltverträglichen Abfallwirtschaft.
Auch Mist kann zu Energie werden
Auf einem 85 Hektar großen ehemaligen Kiesgrubengelände betreibt die Firmengruppe Rhein-Main-Deponie (RMD) einen ganzen Park von Aufbereitungs- und Wertstoffanlagen. Dazu gehören ein Deponiegas-Kraftwerk, eine Sickerwasser-Reinigungsanlage und neuerdings ein Bodenbehandlungszentrum. Das Unternehmen will dazu beitragen, dass die auf internationalen Umweltkonferenzen gefassten Beschlüsse, Treibhausgase zu reduzieren, umgesetzt werden. "Die Stromerzeugung im Biomassekraftwerk ist klimaverträglich, weil keine treibhauswirksamen Emissionen freigesetzt werden", erklärt RMD- Geschäftsführer Gerd Mehler. Die Ökostrom-Fabrik gebe nur so viel Kohlendioxid an die Atmosphäre ab, wie dieser beim Wachstum der Bäume durch Photosynthese entzogen wurde.
Momentan decken erneuerbare Energien wie Wind-, Wasser-, Biomasse- und Solarenergie noch nicht einmal ein Zehntel des deutschen Stromverbrauchs. Das Anfang 2004 in Betrieb gegangene Biomasse-Kraftwerk soll den meisten Ökostrom im Rhein-Main-Gebiet produzieren. Ob sich die Energieerzeugung mit Biomasse ähnlich rasant wie mit Windkraft entwickelt, wird nach Mehlers Einschätzung davon abhängen, ob die erforderlichen Mengen Brennstoff nachgeliefert oder sogar gezielt angebaut werden können. Brennstoffe alternativ zum Sperrmüll ließen sich im Weinbau und der Landwirtschaft finden. Mehler wüsste schon zwei: "Trester und Mist."
Quelle: Frankfurter Rundschau