Bioma >  Startseite >  Aktuelles
  Aktuelles    Archiv    Liste aller Webseiten  
Rund 1100 Kletterer aus der ganzen Region nutzen den Kunstfelsen am Biomassekraftwerk,  Foto: Peter Zender

Rund 1100 Kletterer aus der ganzen Region nutzen den Kunstfelsen am Biomassekraftwerk, Foto: Peter Zender

Wenn Marc Stellbogen seinem Beruf nachgeht, lebt er auf ganz kleinem Fuß. Dann nämlich tauscht er seine ganz normalen Sportschuhe Größe 42 mit leichten Kletterschuhen der Größe 38,5. Fersen kappen und Zehen schnippeln wie die bösen Stiefschwestern bei Aschenputtel muss er dabei zwar nicht, dafür die Fußzehen aber mächtig zusammenkrallen. Und genau darum geht es ihm auch bei der Zwangsmaßnahme für seine Füße. Denn nur so krallenartig in Form gebracht, können die Zehen die Kraft aufnehmen und ausüben, die er im Fels braucht. Nur so kann er sich in kleinste Ritzen klammern und auf minimale Vorsprünge steigen. Ein paar dauerhafte Beulen auf den Zehengelenken zeugen von den vielen Stunden im Fels, aber das stört Marc Stellbogen nicht. Viel wichtiger ist dem 31 Jahre alten begeisterten Kletterer, dass er sein Hobby zum Beruf machen konnte. Für die Main-Taunus-Recycling GmbH betreut er deren mehr als 600 Quadratmeter große und 19 Meter hohe Kletterwand am Wickerer Biomassekraftwerk.

Rund 1100 akkreditierte Kletterer aus dem gesamten Rhein-Main-Gebiet gehen dort ihrem Hobby nach. Aber auch aus Heidelberg kommen die Kletterfans zu dem Kunstfelsen mit Platz für mehr als 3000 Haltegriffe. „Wir sind preislich unschlagbar“, führt Marc Stellbogen einen der Gründe für die große Beliebtheit der Kletterwand an. Mit 25 Euro ist man dabei. Dafür gibt es nicht nur den Transponder, mit dem sich die Tür zum Felsen öffnen lässt, sondern der Jahresbeitrag von 15 Euro ist auch gleich enthalten. Der Tarif in Kletterhallen, die es in der Umgebung in Frankfurt, Mainz und Nieder-Olm gibt, liegt bei 15 bis 18 Euro pro Tag, sagt Marc Stellbogen. Und dennoch sieht er in dem Wickerer Angebot keine Konkurrenz zu den privaten Hallenbetreibern. „Hier gibt es keine Kletterausbildung wie in den Hallen“, sagt Stellbogen.

Wer nach Wicker kommt, muss schon klettern können oder zumindest Freunde dabei haben, die das beherrschen. Denn um die Sicherungsleine, die später den Sitzgurt hält, am obersten Punkt zu befestigen, muss zunächst ein versierter Kletterer ohne diese Leinensicherung nach oben steigen. Den Vorsteiger halten nur sogenannte Express-Schlingen, Karabiner-Pärchen, die mit einem kurzen Stück starkem Gewebeband verbunden sind. Alle Meter sind solche Schlingen zu befestigen, 15 Stück an der Zahl. Am obersten Punkt kann das „Top rope“ genannte Seil durch die Umlenkung geführt werden.

Diese komfortablen Absicherungen sind es auch, die den künstlichen Kletterfels in der Hauptsache von natürlichen Wänden unterscheiden, sagt Stellbogen. In Wicker kann vergleichsweise sicher geklettert werden. Seit der Eröffnung Ende 2004 hat es keinen einzigen Unfall gegeben. Und dennoch bekommen viele Kletterer, die sonst nur in Hallen unterwegs sind, am Kraftwerksfelsen zunächst weiche Knie, erzählt Stellbogen. Denn während der Blick in den Hallen nach zehn oder zwanzig Metern an der nächsten Wand endet, kommen in Wicker schon echte Freiklettergefühle auf. Hier brennt die Sonne oder weht der Wind und von ganz oben kann man richtig weit sehen. Deshalb ist der Kunstfelsen am Biomassekraftwerk auch der richtige Trainingsort für Hallenkletterer, die sich demnächst einmal an einem echten Felsen versuchen wollen, betont Stellbogen.

Zu Hochzeiten, wenn der Himmel blau, die Luft warm und die Tage arbeitsfrei sind, stehen schon mal 30 oder 40 Kletterer zugleich am Fuß des Felsens. Länger als zehn Minuten müsse man in der Regel aber nicht warten, um an die Reihe zu kommen, sagt Stellbogen. Und trotz des Andrangs sei die Atmosphäre entspannt. Gedrängel oder Reibereien habe es bisher nicht gegeben. Am wenigsten ist natürlich in den Wintermonaten los, wenn die Feuchtigkeit die Griffe und den Felsen rutschig macht, wenn die klammen Finger keinen rechten Halt in den Ritzen und an den Vorsprüngen finden.

Die Kletterer können dabei unter sieben Routen wählen, die durch die Farbe der Haltegriffe gekennzeichnet sind. Für die Ewigkeit sind die Wege durch den Kunstfels und über den sechs Meter ragenden Überhang aber nicht gemacht. Immer wieder schraubt Marc Stellbogen neue Routen in die Wand.

Für Schulklassen und Jugendgruppen, Kindergeburtstage und private Kletteraktionen ist an dem Fels vormittags bis 14 Uhr ebenfalls Platz. Schulen und Jugendgruppen zahlen 20 Euro, Privatgruppen bis maximal neun Personen 40 Euro. Die Teilnehmer werden von Stellbogen und einem Kollegen in einem zweistündigen Schnupperkurs in die Grundlagen des Freikletterns eingeweiht. Freiklettern bedeutet dabei allerdings nicht, dass es keine Sicherung gibt, sondern nur, dass man sich nur am Fels hält und keine weiteren Gerätschaften nutzt. „Bisher waren alle nach so einem Kurs restlos begeistert. Es gab keinen, dem es nicht gefallen hatte“, freut sich Stellbogen. Und interessante Einblicke in die psychische Konstitution erlauben diese Kurse auch. „Da stehen gestandene Männer und haben Angst und ihre Töchter rennen die Wand hoch“, erzählt der Klettertrainer. Die positiven Aspekte des Kletterns gehen für Stellbogen auch weit über die Körperertüchtigung hinaus. Selbstvertrauen und Selbsteinschätzungsvermögen würden gefördert, geistige Stabilität sei wichtig. Die Nachfrage zu Wandertagen oder während schulischer Projektwochen sei auch enorm. Gerade im Sommer seien Wartezeiten von zwei Wochen keine Seltenheit. Von einer verstärkten Einbindung des Kletterns in den regulären Schulsport träumt Marc Stellbogen derzeit allerdings noch.

Wenn er den Felsen ganz für sich alleine hat und seine kleinen Kletterschuhe anzieht, dann hat er auch immer seine dicke, weiche Matte dabei. Was er dann macht ist nämlich kein Klettern, sondern „Bouldern“. Dabei geht es nicht darum, Höhe zu gewinnen, sondern um eine Bewegung quer zur Wand in relativ ungefährlicher Höhe. Die Bewältigung kraftraubender Positionen und das kunstvolle Überbrücken schwierigster Passagen steht dabei im Vordergrund. Und wenn er doch mal fällt, hofft Stellbogen, seine Matte statt dem harten Asphalt zu treffen. Bis jetzt hatte er Glück.

  

Quelle: Rüsselsheimer Echo (Jens Etzelsberger)